Es hätte auch anders werden können

Meistens werde ich auf der Straße von unbekannten Menschen mit Mirza oder Perhan angesprochen, aber da ich in der Zwischenzeit in mehreren Projekten mitgespielt und eine Menge Figuren dargestellt habe, geschieht es vielen, dass sie durcheinanderkommen. Und wenn sie sich dann an keinen Namen erinnern können rufen sie mir „Azra!“ hinterher. Dies ist eine der schlechten Seite der Popularität!

Aber, so wie es schlechte Seiten gibt, so bringt die Popularität auch viele gute Seiten mit. Eine davon ist, dass man sich für Benzin nicht in die Warteschlange stellen muss. Und ganz ähnlich ist es auch mit der Liebe … – Das war ein Scherz, denn die Menschen haben genau diese Vorstellung über Popularität. Meine siebenjährige Schauspieltätigkeit hat mich so viel verändert, wie mich eine anderweitige Tätigkeit verändert hätte. Also, heute bin ich von dem sechzehnjährigen Davor genauso weit entfernt wie es notwendig war.

Im Grunde bin ich so wie irgendein „Senad Misic“, der dort irgendwo wohnt, irgendetwas tut und der genau das bekommt was er verdient… So denken meine Eltern, Menschen, die mich kennen und mich umgeben. Es wäre anders, wenn ich irgendwo in Amerika, Italien irgendwo im Westen wäre, zu viel Geld hätte, einen Porsche fahren würde usw.

Ich würde gerne im Ausland arbeiten, aber nur etwas was mir liegt und was ich richtig gut machen könnte. Aber einem Bosnier fällt es schon in Slowenien etwas schwer, von einem fremden Land ganz zu schweigen. Ich experimentier nicht gerne mit Unbekanntem. Solch eine Beziehung habe ich auch zu meinen Eltern. Ich würde immer eher mit denen zusammenarbeiten, in deren Projekten ich bereits mitgewirkt habe, als mit jemand, dessen Arbeitsmethoden und –Konzepte ich nicht kenne, egal wie sehr mir seine Arbeit gefällt. Denn die Tatsache dass mir die Filme desjenigen gefallen, bedeutet nicht dass wir zwei gut zusammenarbeiten könnten. In dem was ich und wie tue, überhaupt lebe, gibt es gar keine Philosophie, und alles ist viel einfacher, als ich es erzählen könnte. So ist es auch mit meiner Arbeit. Heute lese ich mir das Szenario durch und hab es bis morgen vergessen. Wenn ich dann zum Dreh erscheine, läuft alles spontan ab. Szenografie, Kostüme, Regen oder Sonne haben Einfluss darauf, was ich tun werde, unabhängig davon was im Drehbuch steht. Dies ist wahrscheinlich so, weil meine ersten schauspielerischen Erfahrungen mit Kusta (Emir Kusturica) verbunden sind, und er handhabt es genau so.

Emir Kusturica ist der „Hauptschuldige“ warum ich heute als Schauspieler tätig bin. Hätte ich den ersten Film zufällig mit einem anderen Regisseur gemacht, hätte ich es sicherlich nicht wiederholt. Es begann alles ganz zufällig. Mit dem Film „Papa ist auf Dienstreise“, 1984. Sie waren auf der Suche nach jemanden, der Mirza hätte spielen sollen. Sie hatten Castings, viele hatten sich gemeldet, doch niemand hat ihnen entsprochen. Als sie dann ins Café auf einen Drink vorbeischauten, „fanden“ sie mich. Ich war fast fertig mit der Grundschule und die Möglichkeit zu schauspielern, erschien mir sehr interessant. Bei dem Dreh dann, hat mich alles andere mehr interessiert als die Schauspielerei. Eher lernte ich alles über die Kamera, als über meine Rolle. Geschauspielert habe ich dann, wenn es sein sollte und auch wenn nicht, wenn die Kameras an waren, und auch dann wenn diese aus waren.

Begeistert hat mich die Freundschaft mit Mustafa Nadarevic, Miki Manojlovic, Mirjana Karanovic, denn in einem ausgewählten Kreis sind sie ganz normale und gute Freunde und am wenigsten „Stars“. Nach „Papa“ habe ich mich entschieden, mich bei der Filmakademie anzumelden. Es klappte nicht und ich hab’s danach auch nicht mehr versucht. Heute, nach sieben Jahren Erfahrung und meiner Arbeit in diesem Beruf benötige ich sie auch nicht mehr. Dann hat dieser Film die Goldene Palme in Cannes gewonnen und mir wurde klar, dass das alles mehr als nur ein Spiel war. Ich musste darauf achten, was ich sagte und mit wem ich rede. Und das gefiel mir, so wie die Möglichkeit in zehn Tagen 17mal mit dem Flugzeug zu reisen, und bis dahin saß ich kein einziges Mal in einem.

Alles geschah irgendwie viel zu schnell und aus der Reihe. Ich glaube, dass alles noch viel schöner gewesen wäre, wenn mir all die Dinge passiert wären, wenn ich Reifer gewesen wäre. Für das normale „erwachsen werden“ hatte ich keine Zeit. Ich musste viel schneller als meine Altersgenossen viele Dinge lernen, um mich in der Gesellschaft, in dessen Kreisen ich mich den Umständen entsprechend befand, integrieren zu können. Ich musste mich schnell anpassen lernen um mit denen normal reden und kommunizieren zu können. Heute freue ich mich darüber, dass in meinem ganzen Leben alles genau so geschah, weil keine Schule mir das je hätte bieten können.

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